Aralsee

Eingangsschild MuynakWir hatten ja schon einiges über den Aralsee und sein Schicksal gehört. Da sich aber nun schon mal eine günstige Gelegenheit bot, wollten wir uns doch selbst einen eigenen Eindruck verschaffen. Es war überhaupt kein Problem, in Chiwa ein Taxi für einen Tagesausflug (50 $) zu organisieren. Zwar sind es bis nach Muynak (Moynaq) über 450 km, aber mit einem Daewoo Nexia, dem usbekischen Standardauto, ist die Fahrt auch bei Temperaturen um 30 °C erträglich. Gegen 5.30 Uhr brachen wir auf, um über Nukus und Kungrad schließlich nach Muynak zu gelangen. Unterwegs überquerten wir auch den Amudarja, einen der Zuflüsse des Aralsees.

Es ist schon fast makaber, dass man am Ortseingang von Muynak herzlich willkommen geheißen wird. Auf dem Schild ist als Emblem ein aus dem Wasser springender Fisch zu erkennen. Vor der Katastrophe war Muynak ein bedeutender Fischereihafen mit 20.000 Einwohnern. Inzwischen ist der Salzgehalt des Aralsees so stark gestiegen, dass darin kein Fisch mehr leben kann. Nur etwa 2.000 Menschen sind im Ort geblieben.

früheres Ufer des AralseesWir fahren durch den Ort zu einem Kriegsdenkmal auf einem Hügel. Hier bietet sich der erschreckende Anblick. Dort, wo früher die Wellen des Aralsees ans Ufer spülten, breitet sich jetzt die neu entstandene Wüste Aralkum aus. Wir können es kaum glauben, aber das Ufer des Aralsees liegt jetzt über 150 km von hier entfernt!

Wir laufen einige hundert Meter "durch's Wasser". Im Sand entdecken wir kleine Muscheln, Sträucher wachsen aus dem Boden. Ein paar Kinder aus dem Ort haben uns entdeckt und wollen uns zum Schiffsfriedhof führen. Nach einer Weile erreichen wir auch die ersten gestrandeten Schiffskutter. Was für ein Anblick!

Als sich das Wasser immer weiter zurückzog, versuchte man damals, zunächst mit Hilfe eines Kanals den Zugang zum See zu erhalten. Aber es war zwecklos. Es ging alles viel zu schnell. Teilweise konnte man zusehen, wie das Wasser zurückging. Jetzt liegen die Schiffe ausgeschlachtet und verrostet in der Gegend herum. 

KutterDas Verschwinden des Aralsees gilt laut UNO als die größte von Menschenhand verursachte Umweltkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Der Aralsee wird von den beiden Flüssen Amudarja und Syrdarja gespeist und hat keinen Abfluss. In den 50er Jahren begann man auf Beschluss des Obersten Sowjets mit dem Bau von Kanälen und der Bewässerung der umliegenden Flächen, vor allem, um den Baumwollanbau zu ermöglichen. Unter anderem wurde der 1.445 km lange Karakum-Kanal gebaut, der sich bis tief nach Turkmenistan hindurchzieht. Allein dadurch ging 40 % des Wassers des Aralsees verloren. Da die Kanäle auch nicht ausbetoniert wurden, versickert ein Großteil des Wassers im Boden. Inzwischen erreicht der Amudarja oft nicht mehr den See. Als auf den Monokulturfeldern die Erträge zurückgingen, sollten die Erträge durch den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden wieder gesteigert werden. Der Einsatz von Pestiziden, die die Amerikaner im Vietnamkrieg einsetzten und das Versprühen von Entlaubungsmitteln aus Flugzeugen führte zur Vergiftung des Grundwassers und vieler Nahrungsressourcen.

KinderDer Aralsee hat sich zwischenzeitlich in einen kleinen nördlichen und einen großen südlichen See geteilt. Der südliche See ist dabei, sich in einen östlichen und einen westlichen See zu teilen. Die frühere Insel Wosroschdenije (ironischerweise heißt das Wiedergeburt), auf der zu Sowjetzeiten biologische Waffen (u.a. Anthrax) getestet wurden, ist jetzt von Land aus zu erreichen. Niemand kennt das ganze Ausmaß der Verseuchung der Natur.

Eine Umkehrung der Katastrophe erscheint so gut wie ausgeschlossen. Die sowjetische Regierung hatte schon einige Großprojekte wie die Umleitung des sibirischen Flusses Irtysch in Planung. Deren Realisierung hätte die Katastrophe jedoch nur an anderer Stelle fortgesetzt. Die einzige wirkungsvolle Methode wenigstens zur Stagnation und Rettung des großen Sees wäre die Aufgabe der Baumwollflächen und die Optimierung der Bewässerungsmethoden. Der Zerfall der Sowjetunion in viele unabhängige Staaten mit eigenen Interessen hat das Problem jedoch nicht einfacher gemacht. Viele internationale Hilfsprojekte sind angelaufen. Inzwischen kursiert vor Ort ein Sprichwort: Wenn jeder, der sich über das Schicksal des Aralsees Gedanken gemacht hat, lieber einen Eimer Wasser vorbeigebracht hätte, wäre der See wieder voll...

Info

Will the Aral Sea Disappear Forever?

  • Fläche: Rückgang von 66.500 km² (1960) auf 28.687 km² (1998)
  • Volumen: Rückgang von 1.056 km³ (1960) auf 255 km³ (1998)
  • Der Wasserspiegel ist bis 2003 um 26,5 m gesunken.
  • Der Salzgehalt im großen See beträgt das 2,4fache von Meerwasser (87 g/l), fast so viel wie im Toten Meer.
  • An 300 Tagen im Jahr herrschen Sand- und Salzstürme.
  • Die mittlere Julitemperatur in Muynak stieg zwischen 1960 und 1985 von 25,7 °C auf 28,3 °C.
  • Die frostfreie Zeit beträgt nur noch 170 Tage; der erste Frost kommt jetzt 10-12 Tage früher.
  • Die Kindersterblichkeit liegt bei bis zu 10 %. Krankheiten wie Anämie, Hepatitis und Tuberkulose haben stark zugenommen.

Aufgrund der Erlebnisse bei Filmrecherchen zu dem Dokumentarfilm "Der Aralsee - Wo das Wasser endet, endet die Erde" wurde im November 1996 von Filmschaffenden der Verein Wasser für die Kinder des Aralsees e.V. gegründet, der sich das Ziel gestellt hat, den Menschen im Zentrum der Umweltkatastrophe zu helfen. Aufgrund der zunehmend unzureichenden Arbeitsbedingungen für Nichtregierungsorganisationen in Usbekistan hat der Verein 2009 jedoch seine Arbeit eingestellt.

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© 2004 Kay Estler