Kloster Yalbang3. Tag: Kermi - Yalbang (3.060 m) - 12,5 km

Schon gestern hatte ich Probleme mit meinem rechten Knie. Ich muss es mir wohl unbemerkt irgendwie verdreht haben. Die Schmerzen sind über Nacht leider nicht besser geworden. Ein kleiner Verband und Aspirin werden hoffentlich bei der heutigen Etappe helfen. Bei strahlendem Sonnenschein geht es zunächst bergan bis auf einen kleinen Pass und anschließend steil hinunter bis zu einer Brücke über einen Seitenarm des Karnali. Ein ausgezeichneter Platz für eine Mittagspause. Was Dorje, unser Koch, wieder zum Mittag zaubert, ist einfach unglaublich. Heute gibt es tibetisches Brot, Kartoffeln, Brokkoli und eine Art ostdeutsches Jägerschnitzel. Wir werden noch dick und rund aus dem Urlaub zurückkommen!

Ausgeruht und gestärkt geht es immer weiter bergan. Auf einem in den Felsen gekerbten Weg wandern wir direkt über der Karnali-Schlucht entlang. Nachdem die Aspirintabletten eine Weile ganz gut gewirkt haben, werden die Knieschmerzen jetzt kurz vor dem Tagesziel wieder heftiger. Vor allem abwärts weiß ich manchmal nicht, wie ich treten soll. Wie soll das erst am Kailash werden, unserem großen Ziel in Tibet? Ich mag gar nicht daran denken.

Brücke bei MuchuWir erreichen am Nachmittag das Dorf Yalbang und beziehen nach einem letzten steilen Aufstieg Quartier auf einem Platz vor der Schule des Ortes. Als wir einen Blick in das Klassenzimmer werfen, scheinen sich die Kinder beim Lesen für uns extra anzustrengen. Kurz später statten wir dem Kloster Yalbang einen Besuch ab. Wir erfahren, dass es 1985 gegründet wurde und dass hier 95 Mönche, davon 15 Tibeter, leben. Jahrelang haben maoistische Rebellen in der Gegend ihr Unwesen getrieben und sich von den Mönchen versorgen lassen. Jetzt, nachdem die Rebellen abgezogen waren, ist das Leben im Kloster wieder besser geworden.

4. Tag: Yalbang - Tumkot (3.030 m) - 12,4 km

Die Hütten in Yalbang sind relativ einfach gebaut, haben meistens eine Außenleiter auf dem Dach und sind oft mit einem Flaggenmast mit 5 verschiedenfarbigen Fahnen geschmückt. Die Farben stehen für die 5 Elemente im Buddhismus: gelb - Erde, grün - Luft, rot - Feuer, blau - Äther und weiß - Wasser.

Kids in MuchuDie Vegetation wechselt jetzt in Nadelwald, der Boden wird sehr trocken und sandig. In der Ferne taucht ein schneebedeckter Gipfel auf: der Saipal (7.031 m). Über welliges Gelände erreichen wir eine Hängebrücke über den Karnali und wandern weiter bis nach Muchu. An einem Checkpoint müssen wir unsere Pässe vorzeigen. Als einige Kinder uns entdecken, sind wir sofort umringt. Sie haben es auf unsere Kameras abgesehen und kriegen sich vor Lachen gar nicht mehr ein, als sie sich auf den Bildschirmen wiedererkennen. Von hier ist nur noch etwa eine Stunde, bis wir unser Tagesziel unterhalb von Tumkot erreichen. Während ich mich etwas ausruhe, unternimmt der Rest unserer Gruppe noch einen Ausflug hinauf ins Dorf und besichtigt einige Meditationshöhlen.

Händler

 

5. Tag: Tumkot - Thado Dhunga (4.020 m) - 16,0 km

Jetzt geht es steil nach oben. Der Weg ist gut besucht. Immer wieder begegnen uns Händlerkolonnen mit beladenen Ziegen, Schafen und Dzos. Das Wetter ist fantastisch und lässt einen tollen Blick ins Tal zu. Singend wandern wir über grüne Wiesen und erreichen am Nachmittag das Dorf Yari. Es wartet der letzte steile Anstieg auf uns. Der zieht sich allerdings unheimlich hin. Dazu hat sich mein Knie wieder gemeldet. Total ausgepowert erreichen wir unser Camp Thado Dhunga auf 4.000 m Höhe. Die Zelte stehen auf einer leicht abfallenden Wiese, die mit vielen Haufen übersät ist. Nachdem die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist, wird es schnell ziemlich kalt und wir verkriechen uns in unsere Zelte.

6. Tag: Thado Dhunga - Hilsa (3.660 m) - ohne Pferd ca. 11 km, mit Pferd 13,7 km

Heute morgen ist der Himmel erstmals voller Wolken, die aber schnell wegziehen. Nun wird es richtig steil. Mir geht ganz schön die Puste. In Sipsip auf 4.300 m wird mein Pferd gesattelt. Ich habe mich entscheiden, das letzte Stück bis zum Pass und vor allem den danach folgenden steilen Abstieg auf einem unserer Trägerpferde zu absolvieren. Da ich unbedingt noch um den Kailash rum will, bringt es nichts, hier etwas zu riskieren. Das ist sicher die richtige Entscheidung, und mein Knie wird sich freuen. Allerdings habe ich noch nie auf einem Pferd gesessen. Statt eines Sattels werden 2 Isomatten gefaltet und auf den Rücken des kleinen Schimmels geschnallt. Daran und an der Mähne soll ich mich festhalten. Das gute Tier sperrt sich anfangs etwas. Kein Wunder, es hat bestimmt noch nie so ein Gewicht einen so steilen Berg hoch und runter schleppen müssen. Es tut mir jetzt schon leid, zumal ich immer wieder neu zufassen muss, weil ich einige Haare aus der Mähne ausgerissen habe. Der Pferdebesitzer zieht uns den serpentinenartigen Weg hoch.

Sipsip - Anstieg zum Nara La PassNara La Pass

 

 

 

 

 

 

 

Etwas später tauchen tibetische Gebetsfahnen am Horizont auf. Der höchste Punkt der Tour, der Nara La Pass (4.547 m), ist erreicht. Auf der anderen Bergseite bietet sich ein atemberaubender Blick auf die Bergwelt Tibets. Wir befestigen unsere am Vorabend mit guten Wünschen beschriebene Gebetsfahne am Pass und absolvieren eine kleine Kora um den Steinhaufen. Das erhöht das gute Karma und die Erfolgsaussichten für die Kailashumrundung. Anschließend machen wir uns an den Abstieg, ich mit meinem Pferdchen etwas abseits der Gruppe auf einem flacheren aber längeren Weg. Unterwegs passieren wir immer wieder Bauarbeiter, die den Weg zum Pass ausbauen. Abstieg nach HilsaSie schauen mich wie ein Mondauto an. Ich rutsche auf dem Rücken des Pferdes ganz nach vorn, um die Balance zu halten. Wenn das Tier hier auf dem steilen und holprigen Weg wegrutscht, mache ich einen heftigen Abflug. Aber es geht alles gut. Wir erreichen sicher den Grenzort Hilsa und kurze Zeit später trifft auch die Gruppe ein.

Wir haben noch etwas Obst übrig und belohnen die gute Arbeit des Schimmels. Der schaut uns ganz sehnsuchtsvoll an und würde wohl lieber mit uns mitkommen, als mit seinem Besitzer den ganzen Weg zurückzugehen.

Am nächsten Morgen überqueren wir die Brücke über den Karnali und steigen den letzten Kilometer zur Grenzstation Sher hinauf. Wir sind in Tibet!


© 2007 - 2008 Kay Estler