TolbachikNach etwas Entspannung in unserem Hotel in Paratunka liegt am nächsten Tag eine über 500 km lange Fahrt ins nördliche Vulkangebiet vor uns. Auf dem Markt in Elizovo kaufen wir zunächst noch etwas Proviant ein. Bei einem Zwischenstopp in Malki nutzen einige von uns die Gelegenheit, um in den dortigen heißen Quellen ein Bad zu nehmen. Aus der anfangs noch asphaltierten Straße ist inzwischen eine Staubpiste geworden, die sich wie ein helles Band durch die dichten Birkenwälder zieht. Wir haben das Wetter wieder auf unserer Seite, denn als die Vulkane am Horizont auftauchen, strahlt die Sonne am wolkenlosen Himmel. Als wir am Abend mit der Fähre über den Kamtschatka-Fluss setzen, können wir unser Glück kaum fassen. Uns bieten sich atemberaubende Blicke auf die ganze Vulkankette mit Klyuchevskoy (4.750 m), Kamen (4.585 m) und Tolbachik (3.672 m). Kurze Zeit später haben wir das Dorf Kozyrevsk erreicht, eine der ältesten Siedlungen auf Kamtschatka.

Häuser in Kozyrevsk

 

 

 

 

 


Hier beziehen wir in “Marina’s Garten” in netten Finnhütten Quartier. Das Dorf entspricht genau dem, was ich mir unter Sibirien vorstelle: verzierte Holzhäuser und umherschwirrende Mücken.


BärenspurenAm nächsten Morgen fahren wir mit unserem GAZ weiter auf der Aschepiste durch dichten Wald. Plötzlich stoppt Sascha, unser Fahrer, und zeigt uns an, dass wir aussteigen sollen. Vor uns auf dem Weg erkennen wir taufrische Bärenspuren, und zwar richtig große! Aber Angst hat keiner von uns, so dass wir die kleine Pause nutzen, um uns mit leckeren Blaubeeren einzudecken, die in Massen in den Taigawäldern wachsen. Allerdings kommt hier unser Mückennetz zum Einsatz. Die Biester machen uns schon kräftig zu schaffen. Das ist aber nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was uns kurze Zeit später erwartet.

Von Staubpiste ist plötzlich nichts mehr zu sehen. Vor uns breitet sich eine riesige Schlammpfütze über den ganzen Weg und bestimmt 100 m weit aus.

Angriff der KillermückenSascha versucht mehrfach vergeblich, die Passage zu meistern. Es nützt nichts, wir müssen aussteigen und die Stelle im Wald umlaufen. Dort steht das Wasser allerdings nur etwas niedriger. Die Mücken sehen ihre Chance und stürzen sich sofort auf uns. Da bleibt nur eins: Augen zu und durch! Sascha hat es inzwischen ohne uns durch den Schlamm geschafft und wir schlagen wie wild um uns, um die restlichen Mücken aus dem Fahrzeug zu bekommen. Kurze Zeit später liegt der Wald hinter uns und der Tolbachik kommt in Blickweite. Vor uns dehnt sich ein riesiges Aschefeld aus, Resultat der großen, 450 Tage dauernden Eruption der Jahre 1975/76. Wir erreichen schließlich das Lunokhodchik Camp und bauen unsere Zelte auf. Das Camp hat seinen Namen von den russischen Mondfahrzeugen erhalten, die hier unter vergleichbaren Bedingungen getestet wurden.

Lunokhodchik CampWir machen einen kurzen Ausflug in die Mondlandschaft hinein und klettern auf einige der Aschehügel. Unfassbar, bis zum Horizont nichts als roter und schwarzer Lavastaub.

Die Besteigung des Plosky Tolbachik (3.085 m) wird wieder eine echte Herausforderung. Kurz vor 8 Uhr beginnt die Wanderung, die zunächst fast nur über Asche führt. Wir kommen an sogenannten Lavabomben vorbei. Diese entstanden, als Lava so hoch herausgeschleudert wurde, dass sie in der Luft abkühlte und die aerodynamische Kugelform annahm. Nach mehr als 4 h haben wir den Fuß des Plosky Tolbachik erreicht. Das letzte Stück ist nicht nur steil, sondern auch voller rutschigem Geröll und kostet sehr viel Kraft.


LavabombeKrater des Plosky Tolbachik

 

 

 

 

 

 

 

 

Plosky und Ostry TolbachikGegen 14.30 Uhr habe aber auch ich es auf den Gipfel geschafft. Bis zum Boden des Kraters können wir nicht blicken, er ist einfach viel zu tief. Leider hat sich auch der Himmel etwas zugezogen, so dass es nichts mit einem grandiosen Ausblick wird. Nur schemenhaft erkennen wir den Kamen (4.585 m) zwischen den Wolken. Wir machen uns vorsichtig an den Abstieg. Der Rückweg wird nochmal richtig lang und ich merke wieder die Blasen an meinen Füßen. Völlig kaputt erreiche ich nach insgesamt 11,5 h und 30 km Wanderung das Lager. Zum Glück haben wir uns noch eine Flasche Bier aufgehoben... Aber auch Micha, unser Koch, versteht es wie immer, mit einem leckeren Essen die Anstrengungen des Tages vergessen zu lassen.

 

Info

Gebiet der Spalteneruption 1975/76Das Massiv des Tolbachik besteht aus zwei sich überlappenden Kegeln: dem Ostry (“spitzen”) Tolbachik (3.672 m) und dem Plosky (“flachen”) Tolbachik (3.085 m). Während der Ostry Tolbachik als erloschen gilt, ist der Plosky Tolbachik immer noch aktiv. Sein Krater ist etwa 1,5 km breit und 500 m tief. Der Vulkan erlangte Berühmtheit, als hier vom Juli 1975 bis Dezember 1976 die größte basaltische Eruption in der Geschichte Kamtschatkas stattfand. Das Volumen des dabei herausgeschleuderten Materials wird auf 1,18 km³ geschätzt.

Die Ereignisse begannen damals mit einigen schwachen Explosionen am Gipfelkrater des Plosky Tolbachik. Wenige Tage später öffnete sich 18 km südlich des Kraters eine Spalte in einem Wald. Feuersäulen erreichten bis zu 2,5 km Höhe und es bildete sich eine 12 km lange Aschewolke. Es öffneten sich neue Spalten und 3 neue Schlackekegel entstanden, zwischen 100 und 330 m hoch. Das Territorium in der Umgebung verwandelte sich in eine 40 km² große Lavawüste. Der verbrannte Wald ist noch heute zu sehen.

Die Eruption des Tolbachik wurde anhand vorangegangener Erdbeben von russischen Wissenschaftlern des Vulkanologischen Instituts exakt vorausgesagt und konnte deshalb auch genauestens beobachtet werden. Im Ergebnis wurden dabei 20 neue Mineralien entdeckt.

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© 2006 Kay Estler