GeysirfeldKurz vor der Landung im Tal der Geysire drehen wir eine kleine Ehrenrunde, bevor wir sanft im tiefen Gras aufsetzen. Bei laufenden Rotoren schnappen wir unser Tagesgepäck und entfernen uns zügig von der Maschine, um nicht vollends taub zu werden. Der Heli mit unserem großen Gepäck und den Nahrungsmitteln hebt gleich wieder ab und fliegt noch ein Stück weiter zur Uzon Caldera, wo wir heute übernachten werden.

Direkt neben dem kleinen Landeplatz befindet sich ein großes Blockhaus der Nationalparkverwaltung. Wir halten uns hier aber zunächst nicht lange auf, sondern beginnen mit unserer hübschen russischen Führerin mit dem Rundgang durch das Geysirtal. Die Wege sind hier gut erschlossen und durch Holzstege befestigt, was mich stark an den Yellowstone Nationalpark erinnert.

Kleiner GeysirDie erste Station ist der Große Geysir. Seinen Namen hat er nicht wegen seiner hohen Fontäne, denn diese ist “nur” bis zu 12 m hoch. Vielmehr hat die Austrittsöffnung des ca. alle 1,5 h für einige Minuten ausbrechenden Geysirs einen ziemlich großen Durchmesser. Kurz hinter dem Großen Geysir liegt der Kleine Geysir, der allerdings mit bis zu 17 m eine deutlich größere Höhe erreicht. Sein Strahl schießt alle 30 bis 40 Minuten in einem Winkel von 45° aus der Erde in Richtung des Flusses Geysirnaya, ein absolut beeindruckendes Schauspiel.

Velikan (Riesiger Geysir)

 

 

 

Der Geysirnaya schlängelt sich durch das gesamte Tal und nimmt das herausströmende Wasser der Geysire auf. Er hat, so erfahren wir, im Sommer eine durchschnittliche Temperatur von 26°C und im Winter immerhin noch von 16°C! Wir gehen weiter flussaufwärts an einem kleinen heißen Wasserfall vorbei zur großen Plattform, auf der mehrere Geysire und heiße Quellen sprudeln. Die Wassermassen ergießen sich den Felsen hinunter zum Fluss und hinterlassen eine Ablagerung, das sogenannte Geyserit. Die Namen vieler Geysire wie z.B. “Festung”, “Grotte”, “Höllentore” oder “Perle” zeigen an, wie stark die Fantasie des Betrachters hier angeregt wird. Am Ende haben wir Glück, dass der nur alle 7 h ausbrechende Riesige Geysir (“Velikan”) gerade seine Fontänen in die Luft wirbelt. Diese schaffen es immerhin bis auf 25 m Höhe, wobei die Dampfsäule schon bis zu 100 m hoch werden kann. Oberhalb der Plattform kommen wir an einigen Blubberlöchern vorbei. Zum einen sind da dampfende Wasserpools und zum anderen Schlammlöcher, an deren Oberfläche sich immer wieder neue Blasen bilden. Ein kleiner Geysir trägt den Spitznamen “Toilettenspülung”, weil er sich nach einem kurzen Wasserschwall rauschend in ein Loch zurückzieht.

Nach 2 h zwischen Wasserfontänen stärken wir uns bei Räucherlachs und Tee und machen uns anschließend auf den Weg in die Uzon Caldera.

Schlitz (aktiv)Schlitz (ruhig)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als wir 3 Tage später bei Nebel und strömendem Regen ins Tal der Geysire zurückkehren, ist uns allen klar, dass bei diesem Wetter hier kein Hubschrauber landen kann. Wir sind gezwungen, in der Blockhütte zu übernachten und abzuwarten. Am nächsten Tag hat sich das Wetter kaum geändert. Ich nutze die kurzen Momente ohne Regen, umGeyseritablagerungen noch einmal das Tal zu erkunden. Dabei habe ich fast alle Geysire für mich allein, eine faszinierende Erfahrung. So langsam wird die Zeit knapp, denn am nächsten Tag soll unser Flug in die Heimat gehen! Aber es geht alles gut. Tags darauf lichten sich die Wolken und gegen 13 Uhr landet unser Hubschrauber. Am Flughafen in Petropavlovsk bleibt aber nur noch Zeit, ein paar Sachen umzupacken und um uns voneinander zu verabschieden. Unmittelbar danach checken wir ein und heben kurze Zeit später ab in Richtung St. Petersburg.

dampfender Pool

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Info

 

Es gibt weltweit derzeit nur 5 größere Gebiete, in denen Geysire vorkommen: Yellowstone National Park (USA), El Tatio (Chile), Island, die Nordinsel Neuseelands und eben das Tal der Geysire in Kamtschatka. Letzteres wurde erst im April 1941 entdeckt, als die russische Hydrologin Tatjana Ustinova und ihr itelmenischer Führer ein bisher unbekanntes Gebiet des Kronotsky Naturreservats erforschten. Der erste Geysir, den sie entdeckten, bekam den Namen “Pervenets” (Erstling). In dem etwa 6 km langen Tal 180 km nördlich von Petropavlovsk gibt es mehr als 20 große Geysire. Einige brechen alle 10 - 12 Minuten aus, andere alle 5 - 8 Stunden. Am 04.10.1981 fegte der Taifun Elsa über Kamtschatka und brachte so viel Regen mit sich, dass der Wasserstand des Flusses Geysirnaya um mehrere Meter stieg. Die sich dabei bildende Schlammwalze zerstörte alles auf ihrem Weg und brachte den Geysir “Großer Ofen” zum Erlöschen, der “Malachit Grotte”, die Schönheit und der Stolz des Tales, wurde schwer zerstört. In den 90er Jahren begann man mit dem Bau der grundlegenden Infrastruktur, die ein kontrollierter Tourismus erfordert. Bisher ist das Tal nur per Helikopter erreichbar und wird von etwa 2.000 Touristen im Jahr besucht. Es bleibt abzuwarten, wie das Land die steigende touristische Nachfrage mit dem Schutz dieses einzigartigen Naturwunders in Einklang bringen kann.

Nachtrag: Mit Bestürzung und blankem Entsetzen habe ich die Nachricht vernommen, dass infolge eines Erdrutsches und der dadurch ausgelösten Schlammlawinen am 03.06.2007 große Teile des Tals der Geysire zerstört wurden. Zeitweise bildeten die Erdmassen einen Damm und stauten den Fluss Geysirnaya zu einem See an. Viele Geysire drohten, überschwemmt zu werden. Diese Gefahr ist inzwischen gebannt. Zumindest einige Geysire sind aber wohl für immer verloren, u.a. auch der “Pervenets”. Einen aktuellen Zustandsbericht gibt es hier (engl./russ.).


© 2006 Kay Estler