KamenAm nächsten Morgen packen wir unsere großen Rucksäcke. Es steht eine sechstägige Trekkingtour um den Tolbachik und entlang der Vulkane Bezymianny, Klyuchevskoy und Kamen an. Am ersten Tag geht es zunächst über Lavafelder leicht bergan. Die Spitzen der Udina (2.923 m) und der Zimina (3.081 m) kommen ins Blickfeld, als das Gelände beim Abstieg zum Fluss Tolud deutlich grüner wird. Der Weg steigt danach wieder leicht an und wir müssen immer wieder kleine steinige Flusstäler durchqueren, die sich in die Landschaft gekerbt haben. Der Himmel sieht teilweise bedrohlich aus. Ein Gewitter zieht auf und ein Blitz schlägt krachend nur einige hundert Meter von uns entfernt ein. Zum Glück nieselt es nur wenig. Immer wieder stoßen wir auf Bärenspuren. Schließlich haben wir unser Erfolgserlebnis und entdecken am anderen Flussufer in ca. 500 m Entfernung unseren ersten Bären. Die Suche nach einem geeigneten Platz zum Campen gestaltet sich schwierig, da unser Koch natürlich Wasser benötigt und die Flüsse wegen des sonnigen Wetters der letzten Tage meist ausgetrocknet sind. Kurz unterhalb des Tolud Passes finden wir aber eine geeignete Stelle, wo wir unsere Zelte aufbauen.Bezymianny

 

 

 

 


Als wir am nächsten Morgen unsere Wasserflaschen auffüllen wollen, müssen wir feststellen, dass im Fluss kein Wasser mehr fließt. Vom Tolud Pass steigen wir hinab über grüne Wiesen und mehrere Flusseinschnitte bis zum Fuß der Zimina, wo uns Micha zum Mittag mit einer leckeren Suppe versorgt. Über den Tolbachik Pass (1.500 m) steigen wir hinab, wo wir am Jupiter-Krater, einem kleinen Vulkankegel, unser Camp errichten.

Kamen und BezymiannyIn der Nacht fängt es kräftig an zu regnen. Da der Regen auch den ganzen Vormittag noch anhält, beschließen wir, heute im Camp zu bleiben. Am Nachmittag unternehmen wir trotzdem einen kurzen Ausflug zu einem faszinierenden Basaltfelsen unweit des Lagers.

Die Stimmung steigt deutlich, als am nächsten Morgen die Sonne aus den Wolken hervorkommt. Hinter einer Bergkette taucht plötzlich die Spitze des 4.585 m hohen Kamen (“Felsen”) über den Wolken auf. In seiner Form erinnert er stark an das Matterhorn. Beim Übergang ins nächste Tal schlägt das Wetter leider wieder um. Bei tiefhängenden Wolken setzt kurz vor unserem Tagesziel, dem Plotina Camp, heftiger Regen ein. Aus dem Nebel taucht plötzlich ein Hubschrauber auf, der die im Camp wohnenden Geologiestudenten mit Lebensmitteln versorgt.

KlyuchevskoyDas Plotina Camp liegt direkt unterhalb des Bezymianny (2.882 m) und sollte uns eigentlich als Ausgangspunkt für eine Tagestour zum Kraterrand dienen. Da der Bezymianny aber im Moment ziemlich aktiv ist und in diesem Jahr schon zwei Unfälle wegen Steinschlags passierten, fällt die Entscheidung gegen eine Besteigung. Als Entschädigung dafür erhalten wir am Abend bei aufklarendem Himmel einen fantastischen Blick auf den Tolbachik bei untergehender Sonne.

Lavacanyon

 

 

 

Über den Bezymianny Pass (1.500 m) wandern wir am nächsten Tag wieder in ein anderes Tal, wo sich bei Sonnenschein immer wieder faszinierende Blicke ergeben. Als wir nach der Überquerung des Flusses Studenaya auf der Suche nach einem geeigneten Platz für die Mittagspause sind, schrecken wir einen Bären auf, der sich an einem kleinen See erfrischen wollte und nun schnell das Weite sucht. Kurze Zeit später erblicken wir an anderer Stelle ein zweites Exemplar, das wild den Boden nach Essbarem durchwühlt. Neben ihm liegen zwei fellüberzogene Objekte. Da wir aus der Ferne nicht erkennen können, ob es sich dabei um seinen Nachwuchs oder um seine Beute handelt, ziehen wir uns vorsichtig zurück.

Unser heutiges Camp liegt traumhaft. Hier bietet sich ein herrliches Panorama mit Blicken auf alle umliegenden Vulkane. Einige von uns unternehmen noch einen Ausflug zu einem Canyon, wo sich die Studenaya in Stromschnellen durch abgeschliffene Basaltfelsen schlängelt.

Der Sonnenuntergang im Camp ist ein Traum. Die untergehende Sonne färbt die schneebedeckten Flanken des Kamen in ein tiefes Orange.

Panorama
(Zur Vergrößerung des Panoramas bitte auf das Bild klicken. Es wird in einem neuen Fenster angezeigt. Die Berge von links nach rechts: Ushkovsky, Klyuchevskoy, Kamen, Bezymianny (mit Rauchfahne), Zimina, Plosky und Ostry Tolbachik.)

Klyuchevskoy, Kamen und Bezymianny

Die letzte Etappe ist kurz. Bis zu dem Punkt, an dem Sascha mit seinem GAZ auf uns wartet, sind es nur wenige Kilometer. Unterwegs genießen wir bei wolkenlosem Himmel noch einmal die Atmosphäre. Vom Bezymianny grüßt eine kräftige Rauchfahne zum Abschied.

Neben einem Willkommensbier hat Sascha mit Nougatcreme und süßer Sahne noch einige Leckereien mitgebracht, auf die wir in den letzten Tagen verzichten mussten. Jetzt müssen wir leider auch Abschied nehmen von unserem russischen Guide, dem Koch und den Trägern, die alle einen fantastischen Job gemacht haben. Wir begeben uns auf die Rückfahrt nach Kozyrevsk und einen Tag später fahren wir die 500 km zurück ins Hotel nach Paratunka.
 

Info

Der Klyuchevskoy (“Klyuchevskaya Sopka”) ist mit seinen 4.750 m der größte Stratovulkan Eurasiens. Sein letzter Ausbruch erfolgte im Jahr 2005. Durchschnittlich alle zwei bis fünf Jahre ist mit einer Eruption zu rechnen. U.a. wegen seiner perfekten Form ist er ein beliebtes Ziel für Bergsteiger. Seine erste Besteigung erfolgte im Jahr 1788 durch den Deutschen Daniel Gaus. Der Nachbar des Klyuchevskoy, der Kamen (4.585 m) gilt als erloschen.

Links (Klyuchevskoy)

Der Bezymianny (“Der Namenlose”) ist 2.882 m hoch und galt bis zu seinem geschichtsträchtigen Ausbruch der Jahre 1955/56 als erloschen. Bei einer Eruption am 30.03.1956 wurde der Gipfel des damals etwa 3.100 m hohen Berges faktisch weggesprengt und hinterließ einen hufeisenförmigen Krater. Die Sprengung brachte noch in einer Entfernung von über 20 km Bäume zu Fall. Der daraus folgende Niederschlag bedeckte eine Fläche von 500 km². Plinianische Eruptionen und pyroklastische Ströme folgten. Der Ausbruch von 1956 wird oft mit der Eruption des Mount St. Helens von 1980 verglichen. Im Moment (2006) zeigt der Bezymianny wieder stärkere vulkanische Aktivität.

Links (Bezymianny)


© 2006 Kay Estler